Zu den Inhalten springen

Navigation

Suche

twitter

Servicenavigation

Funktionen

| Schriftgröße
 

Presse Detailansicht

Ambulante Wege aus Wahn oder Depressionen

24.09.2007, Häusliche psychiatrische Pflege ersetzt oder verkürzt stationäre Behandlung – Neues Angebot der Kliniken von Andernach und Alzey

Depressionen, plötzliche Angstpsychosen oder eine Schizophrenie mit einem Leben zwischen  Wahn und Wirklichkeit kann jeden treffen. Viele erholen sich davon und können wieder ein ganz normales Leben führen, ohne an der Krankheit zu zerbrechen. Dabei hilft jetzt auch psychiatrische Pflege im häuslichen Bereich.

Holger Thiel fühlt sich als Leiter des Ambulanten psychiatrischen Dienstes in der Rhein-Mosel-Fachklinik in Andernach wie ein Pionier: Er und vier Mitarbeiter trainieren mit psychisch Kranken den Alltag, damit sie sich wieder aus dem Haus und auf belebte Plätze wagen, sich am Arbeitsplatz konzentrieren können oder mit Medikamenten ihre Krankheit in den Griff bekommen. „Medikamente können aber soziale Integration und den Menschen, der zuhört, nicht ersetzen“, beschreibt er seine Erfahrung. Deshalb betreut er Patienten im weiten Umkreis, damit auch die Familie lernt, mit der Krankheit umzugehen.

Auf die Möglichkeit, vorbeugend stationäre Behandlung zu verhindern oder sie mit Nachsorge-Angeboten zu verkürzen, drängen Experten schon lange. Aber erst der Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen sichert das seit April bestehende Angebot der Rhein-Mosel-Fachklinik in Andernach sowie der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey, wie Pflegedirektorin Rita Lorse sagt. Andernach betreut inzwischen etwa 25 Patienten ambulant. In Alzey nutzen zwölf Kranke die Alternative zur Klinik.

Die Anfragen häufen sich, seit das neue Angebot durch Vorträge immer mehr bekannt wird. Zu den ersten Erfolgserlebnissen von Thiel gehören die Begegnungen mit einem 17-Jährigen, den Prüfungsangst krank gemacht hat. Er ist inzwischen auf stabilem Weg in die Ausbildung.

Warum Menschen plötzlich unter Psychosen oder Schizophrenie leiden, hat unterschiedlichste Ursachen. Zu ihnen gehören auch Stress und Krisen. „Die besten Chancen hat jemand in einem intakten Umfeld von Familie oder Freunden, das einen Kranken auffangen kann“, sagt Thiel. Seine Patienten klärt er über die Krankheit auf, entwickelt Strategien, wie sie zu überwinden ist und wie bei ersten Anzeichen eines Rückfalls zu reagieren ist. Um gezielt helfen zu können, muss er Patienten in ihrem Alltag beobachten. Dann ist leichter zu erkennen, inwieweit die psychische Erkrankung ausschlaggebend ist, wenn sich der betroffene Patient z.B. nicht um eine Stelle bewirbt.

Thiel ist es wichtig, dass er auch einen bewussten und aktiven Umgang mit der Krankheit durch Informationen und Beratung fördert. Aber er  weiß auch, dass Schizophrenie-Kranke, die sich zu ihrer Krankheit bekennen, häufig ausgegrenzt werden, ihren Arbeitsplatz verlieren oder keinen neuen finden. „Trotzdem rate ich den Patienten, bei einer Bewerbung offen über ihre Erkrankung zu sprechen, ob es sich um eine Stoffwechselstörung, eine Depression oder eine andere psychische Erkrankung handelt.“

Die Hausbesuche orientieren sich am Bedarf des Einzelnen: Zu einem Patienten muss der Pflegedienst mehrmals täglich fahren, beim anderen reicht es aus, ihn einmal im Monat zu sehen oder bei Krisen einzugreifen. Das ambulante Angebot gilt unter Fachleuten als  wichtiges Bindeglied zwischen stationärer Behandlung, Tageskliniken, Ärzten, psychosozialen Diensten oder auch dem Arbeitsamt. Es muss vom Facharzt oder Hausarzt verordnet werden, damit die Krankenkassen die  Kosten übernehmen. Aber die sind, so Lorse, im Vergleich zu stationären Aufenthalte in der Klinik wesentlich günstiger und bedeuten gleichzeitig eine höhere Lebensqualität für die Patienten.

Das Landeskrankenhaus als Träger der Einrichtungen in Andernach und Alzey ist stolz darauf, diese Leistung als Pionier in Rheinland-Pfalz anbieten zu können. Deshalb bewirbt es sich auch um den diesjährigen Innovationspreis im Gesundheitswesen der Landesregierung. Denn für die psychiatrische Versorgung in Rheinland-Pfalz stellt die Ambulante psychiatrische Pflege eine deutliche qualitative Verbesserung dar. Das Landeskrankenhaus rechnet damit, dass andere Kliniken dem Beispiel von Andernach und Alzey folgen. „Das zeigen erste Anfragen. Allerdings mussten wir für den Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen nachweisen, dass wir mindestens fünf Fachkräfte abstellen können“, so Lorse. Das falle kleineren Kliniken schwer.

Bürger in den Landkreisen Cochem-Zell, Mayen-Koblenz, Alzey-Worms, Bad Kreuznach, Mainz-Bingen, Westerwald und in den Städten Koblenz, Worms und Andernach können die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Auskünfte sind telefonisch unter 02632/ 407 177  oder 06731 / 959 120 möglich. 

Rhein-Zeitung, 24. September 2007

Beratungsgespräch im Rahmen der Ambulanten psychiatrischen Pflege.
© Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach 2017 | Impressum | Haftungsausschluss