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Die Vergangenheit wach halten

22.08.2001, Rhein-Mosel-Fachklinik gedachte der Opfer der Euthanasie mit einem Gottesdienst

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten wirkte sich in der Psychiatrie unmittelbar und einschneidend aus. Bereits im Juli 1933 erfolgte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, durch das 1945 mehr als 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden.

Im Oktober 1939 unterzeichnete Adolf Hitler einen auf den 1. September zurückdatierten fünfzeiligen Text, durch den Reichsleiter Bouhler und sein Leibarzt Dr. Brandt „unter Verantwortung beauftragt sind, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Dieser handschriftliche Text war die Grundlage für das sogenannte „Euthanasieprogramm“, in dessen Verlauf mehr als 20.000 seelisch kranke und geistig behinderte Menschen im damaligen Reichsgebiet ermordet wurden.

Im Rahmen der Veranstaltungen zum 125-jährigen Bestehen der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach wurde dem dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Klinik gedacht: den Opfern der Euthanasie, die in der Zeit des Nationalsozialismus in der Psychiatrie zu Tode gekommen sind.

Wie viele andere psychiatrische Krankenhäuser war auch die Andernacher Klinik während der zeit des Dritten Reiches in das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten mit eingebunden. Als sogenannte „Zwischenanstalt“ diente sie der Weiterverlegung von Patientinnen und Patienten in die damalige Tötungsanstalt in Hadamar.

Aufarbeitung der Vergangenheit
Mit einem ökumenischen Gottesdienst und anschließenden Vorträgen zu den historischen Abläufen gedachte die Rhein-Mosel-Fachklinik der Verbrechen in der Psychiatrie des Dritten Reiches. Die Schatten dieser unheilvollen Vergangenheit haben über viele Jahre die Entwicklung der Psychiatrie im Nachkriegs-Deutschland beeinflusst. Erst Ende der 70er Jahre wurde in der Psychiatrie der unmittelbar nach Kriegsende einsetzende Verdrängungsprozess durchbrochen und mit der Aufarbeitung begonnen. Im Mai 1996 wurde auf Initiative von Schülern und Lehrern des Berta-von-Suttner Gymnasiums das Euthanasie-Mahnmal in der Andernacher Innenstadt der Öffentlichkeit übergeben.

Norbert Finke, Geschäftsführer des Landeskrankenhauses (AöR), ging in seiner Ansprache sehr nachdenklich auf den geschichtlichen Aufarbeitungsprozess der Rhein-Mosel-Fachklinik ein. „Auch unsere Klinik hier in Andernach hat sich lange Zeit außerordentlich schwer damit getan, die Geschehnisse der Euthanasie-Aktion hier am Standort aufzuarbeiten und ihrer Opfer zu gedenken. In Zukunft wird die Rhein-Mosel-Fachklinik einmal jährlich am Totensonntag öffentlich an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern.“

Die anschließende Kranzniederlegung am Euthanasie-Mahnmal wurde von der Rhein-Mosel-Fachklinik gemeinsam mit Bürgermeister Franz Breil als Repräsentant der Stadt Andernach vorgenommen.

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung sagte Norbert Finke: „Das Erinnern und Bewusstmachen der historischen Tatsachen bereitet uns auch heute noch Beklemmungen. Die Vergangenheit wach zu halten ist aber notwendig, um mit der Gegenwart so umzugehen, dass sich die Psychiatrie mit ihrer Identität als ein Teil des Gemeinwesens weiter entwickeln kann. Die heute in der Rhein-Mosel-Fachklinik tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden sich dafür einsetzen, dass diese Verbrechen sich niemals wiederholen können“:

Andernacher Stadtzeitung, 22. August 2001

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