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Der Völkermord hat Seelen zerrissen

26.07.2004, Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach will Kliniken in Ruanda helfen

„Jetzt müssen wir uns erst einmal ganz klar sortieren, wo man wie helfen kann“, sagt Kornelia Heuft. Die Stationsschwester für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie der Rhein-Mosel-Fachklinik ist gerade aus Ruanda zurückgekehrt. Mit einer siebenköpfigen Delegation von Fachleuten verschiedener psychiatrischer Kliniken war sie dort unterwegs, um im Auftrag des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums Möglichkeiten einer Zusammenarbeit von hiesigen und ruandischen psychiatrischen Kliniken auszuloten.

Denn fachliche Hilfe im medizinischen, besonders auch im psychiatrischen Bereich, hat das rheinland-pfälzische Partnerland bitter nötig. Viele Menschen leiden dort heute noch an den Folgen des Völkermordes, der vor zehn Jahren Hunderttausende das Leben kostete; sie haben epileptische Krampfanfälle oder können das Geschehene nicht verkraften, sind traumatisiert und psychisch labil.

Kinder leiden
Das betrifft besonders die jungen Leute. „Wenn Sie einen 16-jährigen sehen, können Sie fast davon ausgehen, dass er seine Eltern sterben gesehen hat“, berichtet Kornelia Heuft. In einer Tagesklinik für psychisch Kranke in Kicukiro traf die Krankenschwester einen jungen Mann, der die diesjährige Genozid-Gedenkwoche nicht verkraftet hat, schwer traumatisiert bedurfte er einer erneuten psychiatrischen Behandlung.

Doch die ist in Ruanda nur unter schwierigsten Umständen zu gewährleisten; auf 66.000 Einwohner kommt gerade einmal ein Arzt, und ausgebildete Psychiater gibt es insgesamt nur zwei. „Die betreuen mehrere Kliniken gleichzeitig“, sagt Kornelia Heuft, „und machen zusätzlich noch ambulante Betreuung in den Familien.“ In der psychiatrischen Klinik in Butare im Süden des Landes arbeitet überhaupt kein Arzt. „Dort übernehmen Pflegekräfte, teils mit psychiatrischer Zusatzausbildung, die Diagnose und verordnen die Medikamente.“

Behandlung im Freien
Doch nicht nur kompetentes Personal fehlt. In allen besuchten psychiatrischen Einrichtungen sind auch Medikamente und medizinische Geräte wie etwa ein EEG Mangelware. Und auch die Räumlichkeiten sind mit hiesigen Standards nicht zu vergleichen. So gebe es etwa in der psychiatrischen Klinik  in Ndera, am Rande der Hauptstadt Kigali, einen einzigen karg eingerichteten Schlafraum und somit „keine Rückzugsmöglichkeit für psychisch Kranke“. Therapieräume fehlten völlig, Heuft:: „Das findet alles draußen statt.“

Auf die Frage, was sich die ruandischen Pflegekräfte durch die Partnerschaft mit Rheinland-Pfalz erhoffen, antwortete eine Krankenschwester aus Butare, dass sie sich eine Waschmaschine wünsche. „Dort wird die Wäsche noch in einem mit Holz befeuerten Kessel gewaschen“, berichtet Heuft. Trotz dieser Mängel ist Kornelia Heuft sehr angetan von der Arbeit ihrer afrikanischen Kollegen: „Fehlende Mittel werden mit Engagement ausgeglichen. Das hat mich angenehm überrascht.“ Problematisch sei aber, dass psychisch Kranke in der Bevölkerung immer noch stigmatisiert würden. Da sei noch Aufklärungsarbeit zu leisten.

Zusammen mit anderen Mitgliedern der Delegation, die sich aus Fachleuten der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, der Rheinhessen-Fachklinik Alzey, des Pfalzklinikums Klingenmünster und der psychiatrischen Hauptabteilung des Städtischen Klinikums Idar-Oberstein zusammensetzt, will Kornelia Heuft überlegen, wie eine partnerschaftliche Hilfe aussehen kann. Für sie war der Aufenthalt in dem rheinland-pfälzischen Partnerland, für den sie Urlaub geopfert hat, eine wichtige Erfahrung: „Ich bin in keiner Weise traurig, dass ich da mitgemacht und gesehen habe, dass es anderen Leuten ein ganzes Stück schlechter geht als uns.“

Rhein-Zeitung, 26. Juli 2004

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