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Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt

05.05.2004, Autorenlesung zum Thema manisch-depressive Erkrankungen

„Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“, so beschreibt der Volksmund das Krankheitsbild manische Depression. Kennzeichen dieser Erkrankung sind abwechselnde Episoden von Manie und Depression. In depressiven Phasen leiden Betroffene, um nur einige Symptome zu nennen, an massiver Antriebs- und Hoffnungslosigkeit, die häufig mit Schlafstörungen und Appetitlosigkeit und vor allem mit einem herabgesetzten Selbstwertgefühl einhergehen. Eine tiefe Verzweiflung überfällt den Betroffenen, so dass die Gedanken nicht selten um Tod und Selbstmord kreisen können. In den manischen Phasen zeigt sich das Krankheitsbild genau entgegengesetzt: Ein Zustand intensiver, aber unbegründet gehobener Stimmung setzt ein, der sich in übersteigerter Aktivität und Energie, Rededrang, unrealistischen Plänen, gesteigerter Impulsivität und Spontaneität äußern kann. Die manisch-depressive Erkrankung zählt zu den affektiven Störungen (Gemütserkrankungen) und wird als „bipolare affektive Störung“ bezeichnet. Auslöser und Ursache dieser Erkrankung exakt zu benennen ist dabei jedoch relativ schwierig. Viele Faktoren werden in der Wissenschaft heute als ursächlich angesehen. Die genetische Disposition kann eine Rolle spielen, ebenso wie biologische Faktoren (ein gestörter Neurotransmitter- oder Hormonhaushalt). Die psychoanalytische Theorie der Depression geht davon aus, dass die Wurzel der Depression schon in der frühen Kindheit liegt.

Multifaktorielle Ursachen, jeder Einzelne hat dabei jedoch seine ganz eigene und individuelle Geschichte. So auch Marianne Kestler. „Am Anfang war der Tod – Leben mit Manie und Depression“, so lautet der provokante Titel des literarischen Dokumentationsromans der freien Journalistin, die 1961 in Kassel geboren wurde.

Das autobiographische Buch, das manische Höhenflüge ebenso wie depressive Abstürze unglaublich plastisch beschreibt, wurde im Jahre 1997 in einer Krise geboren. Nach einem wiederholten Abgleiten in eine depressive Phase, schlug ihr ein Therapeut vor, alles Erlebte aufzuschreiben. In drei Tagen und Nächten schrieb sie 12 Kapitel, die Hälfte des Buches, nieder, und veröffentlichte den Text als fortlaufende Geschichte im Internet. Auf diese Weise wollte sie ihre eigenen Erfahrungen mit der psychischen Krise verarbeiten, half mit diesem Erfahrungsbericht, anfangs unbeabsichtigt, jedoch vielen anderen Betroffenen, die ihre Geschichte im Internet mitverfolgten, so das die Autorin schon nach kurzer Zeit E-Mails en masse voller positiver Resonanz bekam. Schließlich wandte sich Marianne Kestler an den Verlag House of Boats, der die Geschichte begeistert aufnahm, so dass das Buch „Am Anfang war der Tod“ Ende letzten Jahres erscheinen konnte.

Der Vorsitzende des Fördervereins „Gemeindenahe Psychiatrie“ im Kreis Neuwied und Umgebung, Wolfgang Kluck, zeigte sich erfreut, Marianne Kestler zur Autorenlesung in den Räumlichkeiten der Tagesstätte Andernach begrüßen zu dürfen und informierte über die Aktivitäten des Vereins. Auch die Diplom-Pädagogin Gabriele Issel-Domberg von der Westerwälder Kontakt- und Informationsstelle lieferte Hintergrundinformationen zum Thema des Abends und stellte die im Westerwald – als bisher einzige in Rheinland-Pfalz – neu entstandene Selbsthilfegruppe für Menschen mit manisch-depressiven Erkrankungen vor. Schließlich sollte sich jedoch alles um das Buch „Am Anfang war der Tod“ drehen. Schlägt man den Roman auf, so steckt man auch gleich mittendrin. Mittendrin in der persönlichen Lebensgeschichte Marianne Kestlers, im Jahre 1979, als alles seinen Anfang nahm: Eine Art erste Depression, ohne es damals wirklich fassen zu können. Aber auch mittendrin in ihren Gedanken und Gefühlen. Authentisch wirkt die Autorin dabei, ihr Schreibstil ist klar, lässt mitfühlen und fesselt von der ersten Seite an, nicht zuletzt auch wegen ironischer und humoristischer Spitzen – trotz oder gerade wegen des eigentlichen ernsten Themas. Liebe, beruflicher Erfolg, Stress, Ärger mit Behörden, Suizidversuche, Gedanken an den Tod, Magersucht, Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken – kein Thema wird ausgelassen. Die manisch-depressive Erkrankung steht dabei natürlich im Vordergrund und man bekommt eine leise Ahnung, welche emotionalen Achterbahnfahrten, Höhenflüge und Abstürze Marianne Kestler erlebt haben mag. Und trotz allem macht das Buch Mut, denen mit dieser schriftstellerischen Leistung tritt die Autorin aus dem Schatten, schildert ihre Verzweiflung, ihre Ängste und intimsten Gefühle und verbirgt nichts, dort wo viele andere schweigen.

Andernacher aktuell, 05. Mai 2004

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