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Gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft schaffen

16.04.2008, Fünf Jahre Gemeindepsychiatrischer Verbund

Der Gemeindepsychiatrische Verbund (GPV) für den Kreis Mayen-Koblenz und die Stadt Koblenz feierte in der vergangenen Woche in den Räumen der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach das fünfjährige Jubiläum. Es sei zwar nur „ein kleines Jubiläum“, wurde eingeräumt. Dennoch sah man genügend Grund zum Feiern, hat man doch in den vergangenen Jahren schon einiges erreicht. Gleichzeitig sollte die Feier auch die Möglichkeit geben, Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen und sich zu informieren.

Mit dem Verbund wurden seit der Gründung Versorgung und Hilfen für psychisch kranke Menschen und ihre Angehörigen gebündelt, örtliche Träger der Eingliederungshilfe und Einrichtungsträger verpflichteten sich gegenseitig zur kooperativen Zusammenarbeit, bedarfsgerechte Hilfen bereitzustellen, bei komplexen Leistungen zusammenzuarbeiten und das Angebot dem Bedarf entsprechend weiterzuentwickeln. Bei der Absichtserklärung blieb es nicht, so Psychiatriekoordinatorin Carmen Dreyer. Die Ergebnisse werden regelmäßig überprüft und neue Ziele festgelegt.

Kooperatives Miteinander
Kooperationen haben bei Kommunen schon eine „lange Tradition“, sagte Marie-Theres Hammes-Rosenstein, Bürgermeisterin der Stadt Koblenz und derzeitige Vorsitzende des Psychiatriebeirates. Doch der GPV gehöre eher zu den unbekannten Fällen. Wenn auch nur ein „kleines Jubiläum“ gefeiert werde, so sei die Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren eine „Erfolgsstory“.

Hammes-Rosenstein erinnerte an das PsychKG, nachdem die Leistungen im Verbund erbracht werden. So ergab sich eine „Richtschnur des Handelns“ bei allen Beteiligten und die Einrichtung einer gemeinsamen Koordinierungsstelle. Insgesamt sieht die Koblenzer Bürgermeisterin im GPV ein „Modell für die Zukunft“, das auf der Erkenntnis beruht, dass sich für die rd. 320.000 Menschen der Region viele Verflechtungen zeigen, woraus sich viele Synergien ergeben. „Der Weg, auf dem wir uns befinden, ist gut“, so Hammes-Rosenstein. Der Verbund sei noch jung, habe aber schon eine reife Leistung gezeigt. Dennoch zeigte sie sich realistisch: Man sei zwar auf dem richtigen Weg, „aber die Wanderung ist noch lange“. Als Beispiele für die Dinge, die noch zu tun sind, nannte sie etwa eine weitere Dezentralisierung der Wohneinheiten.

Karlheinz Saage, Direktor Heime der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, hielt stellvertretend für alle Anbieter eine Rückschau aus der Sicht der Leistungsanbieter. Es gebe zwar Zahlen, so Saage, doch was sagen die über das Erreichte aus? Daher blickte er in den Vertrag zur Gründung des GPV und hinterfragte, was vom Beabsichtigten – „eine lange Liste von Punkten und Verpflichtungen“ – bislang umgesetzt werden konnte.

So wurde eine Hilfeplankonferenz eingerichtet. Saage sah hier ein „kooperatives Miteinander“, auch wenn gelegentlich strittige Situationen zu klären seien. Die Versorgungsverpflichtung innerhalb der Region sei umgesetzt worden. Außerhalb der Region werde nur auf besonderen Wunsch ein Platz gesucht. Verschiedene Angebote seien vernetzt. Er zeigte sich überzeugt, die Ziele, so wie sie im Vertrag stehen, „haben wir erreicht“, Versprochenes wurde eingehalten. Er erinnerte aber auch an die Herausforderungen, die künftig zu bewältigen sind, etwa das Problem, dass Betroffene jünger werden, auf der anderen Seite aber auch immer älter.

Ein anderes Problem sieht er in den „Doppeldiagnosen“. Institutionelle Hilfe werde immer stärker nachgefragt. Auch seine Diagnose anlässlich des fünfjährigen Bestehens des GPV war positiv. Aber: „Es gibt noch viel zu tun. Doch gemeinsam werden wir die Herausforderungen der Zukunft schaffen.

Betroffene erzählte von eigenen Erfahrungen
Mit Gisela Bolkenius gab eine Psychiatrieerfahrene Einblick in die Möglichkeiten durch den Gemeindepsychiatrischen Verbund aus Sicht einer Betroffenen.Sie ist seit 18 Jahren psychisch krank, erzählte sie und musste 2003 zu ihrem ersten Klinikaufenthalt. Ihre Aussage, dass sie einst nach Andernach zog, da sie hier gut versorgt sei, lässt darauf schließen, wie gut die Arbeit im GPV sei. Hier nutzte sie im Laufe der Zeit die verschiedenen Möglichkeiten der Tagesversorgung, konnte, als „erhöhter Bedarf an Gesprächen“ war, weitergehende Möglichkeiten nutzen. Dabei half ihr auch die Möglichkeit, Termine flexibel zu legen. In der Kunstwerkstatt beispielsweise sei man „auf mich eingegangen“, die Musiktherapie habe „befreit“. Ihr Resümee: „über die gesamte Zeit hat sich viel verbessert.“ Mittlerweile arbeitet Bolkenius ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen und beabsichtigt, in der Zukunft wenigsten Stundenweise wieder zu arbeiten.

Die Entwicklung gibt zu denken
Dr. Stefan Elsner, Ärztlicher Direktor der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, sagte, die Nachfrage nach vollstationären Aufnahmen sei in den fünf Jahren des Bestehens des GPV gestiegen, im Kreis Mayen-Koblenz um 21%, in Koblenz um 14%. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer habe sich nicht verändert. „Diese Entwicklung gibt zu denken. Was ist los in unserer Region?“ Forschungen dazu fehlten, daher stütze er sich auf Annahmen.

Beispielsweise sei die Zahl der niedergelassenen Ärzte rückläufig, häufigere Einweisungen die Folge. Elsner sieht aber auch eine größere Bereitschaft, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Aber gibt es allgemein mehr psychisch Kranke? Immerhin gibt es Anzeichen etwa durch einen allgemein hohen Leistungsdruck oder den veränderten, schroffen Umgang miteinander. Eine erhöhte Anfälligkeit bei Langzeitarbeitslosen sei indes schon bekannt, sagte er.

Dr. Elsner nannte Notwendigkeiten, um das System auch für die Zukunft sicher zu gestalten, darunter die Durchlässigkeit von mehr zu weniger Unterstützung und umgekehrt zu gewährleisten, die Verfügbarkeit von möglichst vielen außerklinischen Versorgungsmöglichkeiten, die zeitnah zur Verfügung stehen und auch eine ökonomische Sicherstellung von Betreuung. Dies seien anspruchsvolle Forderungen, gab er zu. Aber man solle und wolle dem Versorgungsauftrag gerecht werden.

Andernacher Stadtzeitung, 16. April 2008

Karlheinz Saage, Direktor Heime der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, bei seinem Redebeitrag während der Veranstaltung.
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