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Die dunkle Seite der Klinik beleuchtet

27.01.2016, Geschichte Vor 75 Jahren begann systematische Ermordung psychisch kranker Menschen

ANDERNACH Vor 75 Jahren begannen die Nationalsozialisten mit der systematischen Ermordung von Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung - der sogenannten "Aktion T 4". Ein Mahnmal nahe der Christuskirche erinnert an die Verbrechen, die in der damals als "Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt" geführten Einrichtung in Andernach an der Tagesordnung waren: Zwangssterilisationen, Überdosen tödlicher Medikamente und Deportationen in die Gaskammer der Psychiatrie Hadamars nahe Limburg.

"Es ist eindeutig das düsterste und grausamste Kapitel unserer Klinikgeschichte", betont Dr. Stefan Elsner. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der ärztliche Direktor der Rhein-Mosel-Fachklinik (RMF) mit den Geschehnissen während der Hitler-Diktatur. "Es existierte schon der alte Gebäudekomplex nahe der Aktienstraße, dazu kamen einige Pavillons", berichtet der 62-Jährige. Fast 1100 Patienten wurden alleine im Jahr 1941 in der Klinik behandelt.

Die Krankheitsbilder seien weitestgehend die gleichen wie heute gewesen: Schizophrenie, schwere Depressionen oder psychische Zwangsstörungen. "In der Tat waren die Menschen, die in der Klinik behandelt wurden, tatsächlich krank", erklärt Elsner. Dass darüber hinaus beispielsweise unliebsame politische Gegner des Regimes in die Anstalt abgeschoben worden wären, sei nicht bekannt. "Seitens des Pflegepersonals gab es schon eine gewisse Motivation, den Menschen in der Klinik wirklich zu helfen", weiß auch Günter Haffke, Vorsitzender des Andernacher Geschichtsvereins. Er hat sich wie Elsner intensiv mit der Vergangenheit der RMF auseinandergesetzt und erklärt, dass manche der Patienten sogar als genesen entlassen worden sind. Die meisten hätten sich frei auf dem Gelände bewegen können. "Eine Aufnahme in der Anstalt war also noch kein Todesurteil", so der pensionierte Geschichtslehrer. "Gab man den Menschen aber keine Heilungschancen mehr, so meldeten die Andernacher Ärzte sie bei der Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4." Von dort aus wurde über Leben und Tod psychisch Kranker im kompletten Deutschen Reich entschieden - daher der Begriff "Aktion T 4".

"Die berüchtigten grauen Busse haben die Menschen manchmal frühmorgens, manchmal spätabends nach Hadamar gebracht, wo sie dann in der Gaskammer grausam ermordet wurden", sagt Haffke. Es sei davon auszugehen, dass viele Andernacher wussten, welches Schicksal die vor allem aus der näheren Umgebung stammenden kranken Menschen erwartete: "Viele werden ein stilles Einverständnis mit den Geschehnissen in der Klinik gepflegt haben", so Elsner. Nach seinen Angaben sei auch von den meisten Ärzten und Pflegern in der Klinik kein offener Widerstand gegen diese Ideologie bekannt - Maßnahmen wie das Überdosieren tödlicher Medikamente oder das Verhungernlassen von Patienten seien vom Personal mitgetragen worden.

Genaue Zahlen der getöteten Patienten in der Andernacher Psychiatrie fehlen - erst 1996 habe man sich in der Klinik ernsthaft mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, bemängelt Haffke. "Davor wurden regelrecht Informationen verschwiegen", so der Historiker. Das habe vor allem mit der Einstellung der Menschen damals zusammengehangen, erklärt Elsner. "Viele verdrängten die Ereignisse, wollten nicht an dieses grausame Kapitel erinnert werden. Erst ein Generationswechsel beim Personal ebnete den Weg hin zu einem wirklich transparenten Umgang mit der Historie."

Um der Opfer zu gedenken, werden am heutigen Mittwoch um 15 Uhr Kränze am Spiegel-Container in der Innenstadt niedergelegt. Um 18 Uhr ist ein ökumenischer Gottesdienst in der RMF-Klinikkapelle. Ab 19 Uhr wird im Konferenzzentrum der Film "Sichten und vernichten - Psychiatrie im Dritten Reich" von Ernst Klee gezeigt. Im Anschluss wird Stefan Elsner einen Vortrag über den "Fall Werner Heyde/Fritz Sawade" halten.

Rhein-Zeitung, 27. Januar 2016

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