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Depression hat viele Gesichter

03.03.2010, Mit Tagung wird Grundstein für regionales Bündnis gelegt, das informiert und Hilfen bündelt

Depression hat viele Gesichter. Und sie hat viele Betroffene. Etwa jeder 20. Bundesbürger ist depressiv, schätzen die Fachleute. Das heißt konkret: in Koblenz leben hochgerechnet rund 5000, im Kreis Mayen-Koblenz rund 10.000 Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. Depression, das kommt vom lateinischen Wort deprimere, niederdrücken. Denn gedrückte Stimmung ist eines der Hauptmerkmale.

Die Krankheit Depression ist - im Gegensatz zu den meisten anderen psychiatrischen Erkrankungen - kein Tabuthema (mehr). Im Gegenteil: vielleicht wird das Wort "depressiv" sogar zu inflationär benutzt, meint der Ärztliche Direktor der Rhein Mosel Fachklinik, Dr. Stefan Elsner, im Gespräch mit der Rhein-Zeitung. Denn lange nicht jeder, der "deprimäßig drauf ist", ist wirklich krank.

Krank sind aber viele. Geschätzt wird, dass vier Millionen Deutsche depressiv sind, das wären hochgerechnet rund 5000 Koblenzer, 10.000 Menschen im Kreis Mayen-Koblenz. Erkannt aber wird die Krankheit lange nicht bei allen: Rund 60-70 % befinden sich in hausärztlicher Behandlung. Korrekt diagnostiziert wird Depression nur bei etwa der Hälfte. Eine adäquate Therapie bekommen nur etwa 10 % der Patienten, berichtet Elsner. Und noch eine Zahl ist alarmierend: etwa 10 % der Menschen, die an schweren Depressionen leiden, nehmen sich das Leben. Eine echte Volkskrankheit, die Depression.

Volkskrankheit mit Fragen
Eine Volkskrankheit, die trotzdem noch immer mehr Fragen als Antworten aufwirft. Das ist einer der Gründe, warum landesweit lokale Bündnisse gegen Depression initiiert werden sollen. Ein erstes Treffen für die Region Koblenz, Kreis Mayen-Koblenz, Kreis Neuwied und Kreis Bad Neuenahr / Ahrweiler ist am Mittwoch, 17. März, in der Rhein-Mosel-Fachklinik in Andernach.

Vorbild für die lokalen Bündnisse ist ein Forschungsprojekt in Nürnberg. Dort gab es eine groß angelegte Informationskampagne, die sich an Hausärzte, aber auch an Lehrer, Geistliche, Polizeibeamte und viele andere Berufsgruppen wandte. Denn die Krankheit hat viele Erscheinungsformen und ebenso vielfältige Behandlungsstrukturen. Dr. Stefan Elsner nennt drei Beispiele, um die Bandbreite der Erkrankungen aufzuzeigen: da ist zum einen eine Frau, die nach langer Ehe ihren Mann verliert. Sie traut. Das hat noch nichts mit Depressionen zu tun, auch wenn es zunächst ähnliche Erscheinungsformen hat. "Wenn es dann länger anhält, die Frau stärker beeinträchtigt ist in ihrem normalen Leben und sie auch nach einer Reihe psychotherapeutischer Gespräche nicht wieder auftaucht aus ihrer Trauer, dann kann es schon sein, dass sich daraus eine Depression entwickelt hat."

Zweites Beispiel: ein bis dahin gesunder 45-Jähriger wird antriebslos, kann sich nicht mehr konzentrieren, ist wie ausgewechselt. Eine Untersuchung ergibt: ein Gehirntumor ist die Ursache für seine Depression. Und drittes Beispiel: eine Frau leidet an einer klassischen manisch-depressiven Erkrankung. Phasen der Antriebslosigkeit und der düsteren Gedanken wechseln sich ab mit Phasen unmotivierter und extremer Euphorie, in der sie teure Autos kauft und auf nichts Rücksicht nimmt. Oft finden sich auch in der Familie ähnliche Erkrankungen.

Häufig sind Depressionen außerdem sozusagen eine Begleitkrankheit zu einer schweren körperlichen Erkrankung, zum Beispiel Krebs. "Wenn die Prognose schlecht oder unklar ist, ist das schwer zu verarbeiten. Der Kranke verfällt zusätzlich noch in Depressionen",sagt Dr. Elsner.

Oft versteckt sich die Depression auch hinter körperlichen Symptomen, Schlafstörungen oder ähnlichem. Deshalb ist die Krankheit für Laien und auch für Nicht-Psychiater schwer zu erkennen. Psychiater, Nervenärzte und klinische Psychologen dagegen können aus den Daten zur Lebensgeschichte, aktuellen Belastungsfaktoren und der körperlichen Anamnese zumeist eine klare Diagnose stellen. Berichte von Angehörigen sind dabei äußerst hilfreich, so Elsner. Bei einem stationären Klinikaufenthalt kommen außerdem mehrtägige, manchmal mehrwöchige Beobachtungen dazu.

Depression ist weiblich
Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer, sagt der Ärztliche Direktor der Rhein Mosel Fachklinik. Erkrankte gibt es in jedem Lebensalter. Manchmal gibt es Auslöser wie einen Umzug oder einer Verschärfung der Arbeitssituation. Langzeitarbeitslose sind besonders gefährdet, da ihnen wichtige Aspekte des Selbstwertgefühls genommen sind und eine sinnvolle Tagesstruktur fehlt, so der Arzt.

So vielfältig, wie die Erscheinungsformen und Auslöser der Depressionen sind, so vielfältig sind auch ihre Behandlungsformen. Antidepressiva helfen vielen Patienten aus dem tiefen Loch der Antriebslosigkeit hinaus. Und sie machen auch im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht süchtig, versichert der Arzt. Daneben spielen aber auch psycho- und soziotherapeutische Behandlungen eine gleichberechtigte Rolle, sagt Dr. Elsner. Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, ist aber nach wie vorgroß, vor allem, was die stationäre Therapie in einer Klinik angeht.

Hilfe, Schutz und Aufklärung, darum geht es auch bei der Auftaktveranstaltung zum Bündnis gegen Depression in Andernach. Denn die Krankheit ist eigentlich gut behandelbar, so Ministerin Malu Dreyer. "Die meisten Betroffenen können mithilfe der richtigen und konsequenten Therapie nach einiger Zeit wieder Licht am Ende des Tunnels sehen."

Rhein-Zeitung, 3. März 2010

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