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Gedenkgottesdienst für NS-Opfer in Andernach

29.01.2014, Kranzniederlegung am "Euthanasie"-Mahnmal

Mit der Niederlegung dreier Kränze am Euthanasie-Mahnmal hat die Stadt Andernach den Opfern des NS-Regimes gedacht. Der Anlass: Genau vor 69 Jahren, am 27. Januar 1945, hatte die Rote Armee die Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz befreit. Dieser Tag ist heute der offizielle Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Bevor es zur Kranzniederlegung ging versammelten sich die rund 60 Gäste in der St.-Thomas-Kirche der Rhein-Mosel-Fachklinik (RMF). Im Gottesdienst wurde vor allem der Opfern von Zwangssterilisation gedacht. Rund 500 Andernacher erlitten diesen Eingriff.

In der Eröffnungsrede wurde an den Hass im Dritten Reich gegenüber psychisch und physisch Kranken erinnert. Dabei stand die Frage im Raum, ob wir heute tatsächlich so weit davon entfernt sind, wie wir gerne behaupten? Immer noch werden Behinderte ausgegrenzt - und die Gleichgültigkeit dieser Tatsache gegenüber sei das eigentlich Gefährliche.

Opfer schämten sich für Übergriff
Mitgestaltet wurde der Gottesdienst von der Oberschule der Krankenpflegeschule. Die Schüler erzählten von einzelnen Menschen, die Opfer der Zwangssterilisation wurden. Die Opfer schämten sich ihres Verlustes, des Verbrechens, das an ihnen begangen wurde. Vielen fehlte der Mut, sich anderen anzuvertrauen. Erst 1980 wurden einige von ihnen entschädigt. Einer der Schüler hatte ein Musikstück komponiert, das die Gefühle der Menschen damals widerspiegeln soll.

Dr. Stefan Elsner, Ärztlicher Direktor der RMF, schilderte in seiner Ansprache die Geschichte der systematischen Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Bereits im Juli 1933, ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, beschloss die Reichsregierung das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs". Dieses trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Hitler selbst nannte es "eine Forderung klarster Logik", sogenannte "defekte Menschen" daran zu hindern, Nachwuchs zu zeugen. Es sei die "humanste Tat der Menschheit". Elsner berichtete, dass Hitler mit dieser Auffassung nicht allein war. Schon länger wurde vor der zunehmenden Zahl "Degenerierter" gewarnt und in der Weimarer Republik ein ähnliches Gesetz debattiert, aber nicht beschlossen. Im Gesetz der NS-Zeit war festgeschrieben, wer als "erbkrank" galt. Dazu zählten auch Epileptiker, Taube oder Blinde. De facto wurde es jedoch auch auf soziale Außenseiter ausgeweitet, denen zu diesem Zweck "Schwachsinn" unterstellt wurde.

5600 Menschen starben an Folgen
Insgesamt wurden zwischen 300 000 und 400 000 Menschen Opfer dieses Übergriffs. Circa 5000 Frauen und 600 Männer starben sogar an den Folgen des Eingriffs. Hochrechnungen zufolge wurden 500 Andernacher von 1934 bis 1939 zwangssterilisiert. Mit Kriegsbeginn kamen diese Übergriffe zum Erliegen. Stattdessen begann nun die Euthanasie: das planmäßige Vernichten von psychisch Kranken. In der Besatzungszeit wurde das Gesetz lediglich ausgesetzt, jedoch nicht außer Kraft gesetzt. Dies geschah erst 1974. Auch erhielten die Betroffenen keine Entschädigungen, da sie laut Bundestag nicht unter das Entschädigungsgesetz für Opfer des NS-Regimes fielen, weil es das Gesetz zur Zwangssterilisation in ähnlichen Formen auch in demokratischen Ländern wie etwa Schweden gegeben habe. Elsner betonte, dass sie den anderen Opfern des NS-Regimes bis heute nicht gleichgestellt sind.

Die Predigt ging vor allem der Frage des damaligen Denkens nach. "Es schien ein gesellschaftlicher Konsens geherrscht zu haben, der das Vorgehen billigte." Auch wenn manchmal zwischen Menschen unterschieden werden müsse, sei dies im Dritten Reich für manche tödlich gewesen. Schließlich seien alle Menschen von Gott geschaffen und somit alle gleich.

Rhein-Zeitung, 29. Januar 2014

 

Vertreter der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, der Stadt Andernach und des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Rheinland-Pfalz legten am 'Euthanasie'-Mahnmal Kränze nieder.
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