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Mit Gestaltungswillen und Liebe zum Ziel

04.09.2015, Sommerserie Die Pflegedirektorin der Andernacher Fachklinik, Rita Lorse, ist Chefin von 550 Mitarbeitern

ANDERNACH Zehn-Stunden-Tage sind bei Rita Lorse üblich. Die Pflegedirektorin betreut rund 400 Angestellte und 150 Auszubildende, sitzt im Direktorium und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Der Mensch hinter der Rhein-Mosel-Fachklinik (RMF) in Andernach möchte trotzdem mit niemandem tauschen. "Ich bin hier zu Hause."

Sie trägt die Verantwortung für das gesamte Pflegepersonal, das etwa zu zwei Dritteln aus Frauen besteht, kümmert sich um die Einsatzplanung, die Entwicklung der Mitarbeiter und hat die Pflegequalität im Blick. Lorse gehört zum Beispiel zu der Gruppe, der potenzielle Mitarbeiter beim Vorstellungsgespräch gegenübersitzen. "In der Regel haben wir eine hohe Trefferquote", meint sie. Aber auch ihre Erfahrung, Menschenkenntnis und Bauchgefühl schützen sie nicht davor, manchmal doch negativ überrascht zu werden.

Lange hat Lorse an einem Kompetenzmodell gearbeitet, einem Leitfaden für Führungskräfte: Wo steht der Mitarbeiter mit seinen Fähigkeiten, und wo besteht noch Entwicklungsbedarf? Aber mit dem Konzept war es nicht getan, sie musste auch die Mitarbeiter vom Sinn des Ganzen zu überzeugen. Denn natürlich hatte der ein oder andere Angst vor der Einordnung durch seinen jeweiligen Chef.

Als Lorse in der RMF anfing, waren solche Führungswerkzeuge noch kein Thema. 1973 begann sie in der damaligen Landesnervenklinik ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Von den weit verbreiteten Vorurteilen gegenüber der Einrichtung ließ sich die in Burgbrohl-Weiler aufgewachsene Jugendliche damals nicht abschrecken. Sie war der Meinung, dass psychisch kranke Menschen viel Unterstützung brauchen. "Ich bin jemand, der sehr schnell springt, wenn jemand stolpert", sagt Lorse. Aber, das ist ihr wichtig, sie mache das nicht für ihr Ego. Die heutige RMF wurde es wegen der Nähe: "Ich bin ein Familienmensch. Was mehr als 30 Kilometer von zu Hause entfernt war, war undenkbar für mich", erinnert sie sich.

Bereits mit 21 Jahren leitete Lorse eine Station. "Mit Menschenliebe und Versuch und Irrtum", wie sie sagt. Damals habe alleine die fachliche Kompetenz bei einer solchen Besetzung gezählt. Nach und nach erklomm sie die Karriereleiter, war zwischendurch Gesamtpersonalratsvorsitzende. "Meine Vorgesetzten haben mein Potenzial erkannt und mich begleitet", gibt sie rückblickend als einen Grund für ihren Aufstieg an.

Denn obwohl von den Pflegenden die meisten Frauen sind, sind viele Pflegedirektoren in den Kliniken Männer. Lorse sieht die Ursache darin, dass die Frauen immer noch eher die Familienverantwortung übernehmen und beides zeitlich nicht vereinbar ist. "Ich habe keine Kinder, deswegen hat sich dieser Weg für mich leichter aufgezeichnet." Dennoch hat die Direktorin, die mit Mann, Hund und Katze in Saffig wohnt und am liebsten in ihrem Rosengarten oder im Nordsee-Urlaub entspannt, die Familienfreundlichkeit im Blick. Stolz berichtet sie, dass einige ihrer Pfleger länger in Elternzeit gehen oder für die Familie Teilzeit arbeiten.

"Mein Mann versteht zum Glück, dass ich nicht pünktlich um 17 Uhr zu Hause sein kann." Probleme in den Sitzungen der Geschäftsleitung, wo sie mit einer Frau und sieben Männern am Tisch sitzt, zu Wort zu kommen, hat sie nicht. Sie kann Bilanzen lesen und strategisch wichtige Themen erkennen. Und sie fühle sich dort nicht als Frau, sondern als Vertreterin der Pflege. Als durchsetzungsstark, fair und mitarbeiterorientiert beschreibt Lorse ihren Führungsstil. Anderen aufstiegswilligen Frauen rät sie, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben. Ab und an stehen unangenehme Gespräche an, etwa als sie vor einigen Jahren eine Station schließen und ein Team auf andere Stationen verteilen musste. Als eine Mitarbeiterin dann sagte: "Es wird keine andere Möglichkeit geben, sonst würde uns die Frau Lorse das nicht antun", habe das gutgetan.

Viel von dem, was sie heute als Führungskraft braucht, hat sie von ihren Vorgesetzten gelernt. Auch ihr berufsbegleitendes Managementstudium an der Hochschule Hamburg hat sie weitergebracht, erzählt die Direktorin, die an der Wand das Foto eines inzwischen verstorbenen langjährigen Patienten hängen hat, um den "ich mich immer mal wieder gekümmert habe".

2001 sei es die schwierigste Entscheidung ihrer Laufbahn gewesen, ob sie Pflegedirektorin werden wolle. Damit wurde sie auch die Vorgesetzte ihres früheren Chefs. Aber der Gestaltungswille siegte über die Sorge, ob sie dem gewachsen war. Damit war Lorse oben angekommen, die 56-Jährige könnte jetzt höchstens noch in eine größere Klinik wechseln. Aber ihr zweites Zuhause, die RMF, nach 42 Jahren verlassen? Undenkbar.

Rhein-Zeitung, 4. September 2015

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