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Hilfe für vergessene Kinder

29.06.2016, Tagung Nachwuchs psychisch kranker oder suchtkranker Eltern im Fokus

Von unserer Redakteurin Yvonne Stock

ANDERNACH Sie hießen lange die vergessenen Kinder, die Jungen und Mädchen von psychisch kranken oder suchtkranken Eltern. Kinder, deren Mütter etwa aufgrund schwerer Depressionen nur auf dem Sofa liegen, und die dann den Haushalt schmeißen und sich um die Geschwister kümmern, damit nicht auffällt, dass zu Hause etwas nicht in Ordnung ist. „Seit einigen Jahren sind sie verstärkt in den Fokus gerückt“, erzählt Ingrid Klee, Sozialarbeiterin an der Rhein-Mosel-Fachklinik (RMF), wo heute eine Fachtagung zu dem Thema stattfindet.

Wie viele Kinder in der Region betroffen sind, dazu gibt es laut Klee keine Statistik, deutschlandweit sollen es 3,8 Millionen sein. Da erlebt etwa die Tochter einer manisch-depressiven Mutter, wie sie wochenlang auf nichts reagiert und „dann eine Einkaufstour mit dem Kind macht und halb Koblenz aufkauft“, erzählt Klee.

Es fällt den Eltern schwer, zuzugeben, dass sie psychisch krank sind, das ist heute immer noch mit einem Stigma belegt, sagt Klee. Zum Jugendamt zu gehen und sich Hilfe zur Erziehung zu holen, ist für viele keine Option, weil sie Angst haben, dass die Behörde ihnen die Kinder wegnimmt – völlig unbegründet, sagt Klee. Denn die Jugendämter bemühen sich seit einiger Zeit verstärkt, die Familien nicht auseinanderzureißen.

Die meisten Mädchen und Jungen spüren, dass da etwas nicht in Ordnung ist. „15-Jährige googeln dann das aufgeschnappte Wort Depression und finden von Verstimmung bis Suizid alles“, sagt die Sozialarbeiterin. Im schlimmsten Fall finden sie in der Realität ihre Mutter oder ihren Vater, der versucht hat, sich umzubringen, oder sehen, wie sich die Mutter, die an einer Borderline-Störung leidet, den Arm aufritzt. Und dann wird ihnen eingeschärft, dass sie niemandem etwas erzählen dürfen. „Kinder, die ein Familiengeheimnis hüten müssen, werden krank“, sagt Klee. Oft fühlen sie sich mitschuldig.

Werden die Betroffenen dann in der RMF behandelt und besuchen ihren Elternkreis, versucht die Sozialarbeiterin diesen labilen Menschen näherzubringen, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder Hilfe brauchen. Klees größter Wunsch ist, dass es ein niedrigschwelliges Angebot gibt für solche Kinder, etwa eine Gruppe, wo sie über ihre Fragen und Erfahrungen sprechen können. „Andere Landkreise sind da einfach besser aufgestellt“, sagt die 56-Jährige, die sich seit sieben Jahren mit dem Thema beschäftigt und sich zur sozial-psychiatrischen Fachkraft in der Arbeit mit Familien weitergebildet hat.

Damit das vielleicht einmal Realität werden kann und die Stellen besser miteinander vernetzt werden, wurde vor vier Jahren an der RMF der Arbeitskreis Kinder psychisch und suchtkranker Eltern gegründet. Auf den ersten Tagungen wurde vor allem über die Folgen der Erkrankung der Eltern für die Kinder diskutiert, erklärt Klee. Jetzt geht es darum, dass die Stellen ihre Hilfsmöglichkeiten vorstellen, damit Eltern besser weitergeleitet werden können.

Kinder von psychisch kranken Eltern haben laut Klee ein fünfmal höheres Risiko, auch zu erkranken, als andere Kinder. Zum Teil ist das genetisch bedingt, zum Teil sind das Folgen des Erlebten. „Viele Kinder haben Bindungsstörungen“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie versucht den Eltern mitzugeben, dass sie etwas für die Widerstandsfähigkeit ihres Nachwuchses tun können. „Die Mitgliedschaft in Vereinen kann Kindern Halt geben“, meint Klee. Auch das zweite Elternteil kann einiges ausgleichen. Viele Betroffene sind laut Klee aber alleinerziehend. „Kinder brauchen Sicherheit und Rituale“, erklärt die RMF-Mitarbeiterin. „Sie müssen spüren, ihr Alltag geht weiter.“ Das senke ihr Risiko, selbst zu erkranken. „Wenn man Betroffene später als Erwachsene fragt, was wichtig für sie gewesen wäre, sagen die meisten:

,Zu wissen, dass ich nicht allein bin‘.“

Rhein-Zeitung, 29. Juni 2016

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