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Wie Menschen Attentäter werden

04.07.2016, Psychiatrie Experten zu Gast bei Symposium

MARIA LAACH Seit Jahren ist das Maria Laacher Symposium der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach (RMF) ein Muss für Experten der Psychiatrie in der Region. Die Veranstaltung ist jedes Mal mit bis zu 100 Fachleuten aus Kliniken, Praxen und anderen psychiatrischen Einrichtungen ausgebucht – so auch bei der 14. Auflage.

Dass es dieses Mal aber geradezu hochbrisant werden würde, hatte sich Organisator Dr. Stefan Elsner so nicht vorgestellt. Nur wenige Tage nach dem Anschlag eines Attentäters im US-amerikanischen Orlando setzten sich die Experten mit dem Prozess der Radikalisierung auseinander, den ein ideologisch motivierter Attentäter durchläuft, bevor er zum Massenmörder wird. Der ärztliche Direktor der RMF ist überzeugt, dass es für die Psychiatrie Zeit wird, sich mit solchen Menschen zu befassen.

So war es Nils Böckler, einem deutschlandweit führenden Gewaltforscher der Universität Bielefeld, vorbehalten, das Thema Terrorismus mit der Kraft der Wissenschaft zu beleuchten. Böckler sprach von einem neuen Anschlagsmuster, das sich zeige. Die Anschläge der vergangenen Monate „erinnern an orchestrierte Attentate. Mehrere Attentäter, aufgeteilt in verschiedene Gruppen, nutzen an unterschiedlichen Orten Schnellfeuerwaffen, Handgranaten und mehr, um zu töten“, sagte Böckler. Zusätzlich setzen Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ bei Anschlägen auch weiterhin auf „einsame Wölfe“, die sich durch Propagandavideos im Internet radikalisieren lassen.

Für solche Einzeltäter, so erklärte es Böckler, „scheint die spezifische Agenda der Organisationen, die zur Tat aufrufen, jedoch zweitrangig“. Vielmehr glauben diese meist jungen Menschen an die Geschichten, zu denen sie Zugang haben. Durch diese strukturieren sie ihr Denken und Handeln und legitimieren Gewalt. Sie werden zu Tätern. „Massenmedien werden dann zum Vehikel ihrer Botschaft“, so Böckler, „auf diesem Wege motivieren und mobilisieren Attentäter immer auch potenzielle Nachahmer und Trittbrettfahrer.“

Böckler verdeutlichte auch, warum „Menschen im Namen politischer Ziele und Ideen töten, die den Werten und Überzeugungen demokratischer Gesellschaften, in denen sie selbst aufgewachsen sind, entgegenstehen“. Studien zeigen demnach, dass terroristische Einzeltäter vor allem durch soziale Probleme aufgefallen sind. Sie haben zum Beispiel erhebliche Schwierigkeiten, intime und vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Nach dieser Vereinsamung entsteht ein neuer Sozialisationsprozess hin zur Radikalisierung in ein Glaubenssystem, das komplexe Sachverhalte auf Schwarz und Weiß reduziert. Das radikale Umfeld bietet Mittel zum Selbstausdruck (zum Beispiel Szenekleidung) und schafft soziale Identität. Sehr anfällig für solche Radikalisierungsprozesse sind laut Böckler Jugendliche und junge Erwachsene.

Dieser noch jungen Ausprägung zunehmender Terrorbereitschaft in westlichen Ländern steht momentan noch eine ebenso junge wissenschaftliche Auseinandersetzung gegenüber. Dennoch legte Böckler bereits aussagekräftige Studien vor, die Psychiatern und Psychologen helfen können, Betroffene zu erkennen. Ein erster Schritt.

Rhein-Zeitung, 4. Juli 2016

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